VIEL LÄRM UM EINE SIMPLE VERFAHRENSÄNDERUNG

Seit über einem Jahr geht ein Rumoren durch Deutschlands Haushalte. Manch einer befasst sich mit der Einkommensteuererklärung und wird stutzig, wenn er Post im Briefkasten findet. Zumindest, wenn er das Glück hat, dieser Tage Kapitalerträge, also etwa Sparzinsen, zu erwirtschaften. Von Empörung wegen einer neuen Steuer ist in den Zeitungen zu lesen und davon, dass schon wieder massenweise Menschen aus „der Kirche“ austreten, weil diese nun ihre „gierigen Finger“ nach den Kapitalerträgen ausstreckt.

Die Aufregung ist völlig unbegründet. Es wurde keine Steuer erhöht, keine neue Steuer erfunden und niemand hat weniger Geld als vorher. Gegen die Verfahrensänderung, die bevorsteht, kann außerdem Einspruch erhoben werden. Aber Schritt für Schritt:

Kapitalerträge sind Einkommen, werden also besteuert. Sie sind genauso kirchensteuerpflichtig wie die anderen Einkommensteuern, zum Beispiel die Lohnsteuer. Das war  eigentlich schon immer so und hat sich auch jetzt nicht geändert. Das Ganze wird seit 2009 nur erstmals einheitlich "Abgeltungssteuer" genannt.

Ändern wird sich nur das Verfahren, wie die Kirchensteuer auf Kapitalerträge erhoben wird. Bislang hat man Kapitalerträge in seiner Steuererklärung ausgewiesen und vom Finanzamt die Steuer festsetzen lassen. Wer wollte, konnte auch beim Finanzamt beantragen, dass seine Bank die Kirchensteuer bei der Auszahlung direkt abzieht, sodass der Kapitalertrag nicht noch nachträglich versteuert werden muss - und man keine böse Überraschung erlebte, wenn der Steuerbescheid bekam.  Stattdessen bekam man seine Kapitalerträge dann quasi netto.

Die ganze Aufregung dreht sich nun darum, dass dieses Verfahren jetzt (ab 2015) zum Regelfall wird. Hierfür muss die Bank natürlich wissen, zu welchem Steuersatz sie Geld an das Finanzamt abführen soll bzw. ob jemand überhaupt Kirchensteuer bezahlt. Und deshalb teilt ihm das Bundeszentralamt für Steuern verschlüsselt die Religionszugehörigkeit des Kunden mit. Der Bankcomputer spuckt dann den entsprechenden Zinssatz aus. Niemand zahlt mehr Kirchensteuer als vorher. Kein Bankmitarbeiter kann aus dem verschlüsselten, sechsstelligen Code irgendetwas herauslesen. Wer sich dennoch wegen Datenschutz aufregt, sollte sich klarmachen, dass der Bankmitarbeiter in seiner Eigenschaft eben als Bankmitarbeiter den Namen des Kunden, seinen Kontostand und seine Kapitalerträge sieht. Und das sind im Zweifel vielleicht die wesentlich sensibleren Informationen.

Doch zurück zum Verfahren: Wer seiner Bank zwar sein Geld, nicht jedoch die verschlüsselte Information über seine Religionszugehörigkeit anvertrauen will, kann dem Verfahren bis Ende 2014 per Formular gegenüber dem Bundeszentralamt für Steuern widersprechen. Deswegen haben Sie möglicherweise Post von Ihrer Bank erhalten. Wenn Sie widersprechen, dann gibt es einen Sperrvermerk im Bankcomputer, die Kirchensteuer wird nicht abgezogen, der Kontoinhaber erhält seine Kapitalerträge weiterhin brutto und, wie der Berliner sagt, jut is‘.

Das heißt aber nicht, dass dann die Steuerpflicht entfällt. Denn wenn Sie der Datenübermittlung widersprechen, müssen Sie die Kapitalerträge natürlich über die Steuererklärung nachversteuern. Das können Sie letztlich handhaben, wie Sie wollen.

"Warum das Ganze?", mag man sich fragen. Nun, Idee ist, Verwaltungsaufwand zu sparen. Erfolgt der Abzug erst durch das Finanzamt, muss jedes Mal geprüft werden, an welche Körperschaft der Steuerertrag gehen soll. Für solche Leistungen muss die jeweilige Kirche das Finanzamt bezahlen. Wenn ein Computer die Zuordnung automatisiert vornimmt, dann geht das natürlich viel schneller und einfacher. Und es bleibt mehr Kirchensteuerertrag übrig, um damit gute Dinge zu tun.

Wenn Sie all dies nachlesen wollen, dann beachten Sie bitte:
Ausführliches Informationsangebot zur Abgeltungssteuer (private Seite)

Informationsangebot des Bundeszentralamts für Steuern

(Anmerkung: Dieser Text erschien in einer gekürzten Version auch im Gemeindebrief Februar-März 2014 und wurde mit unserer Erlaubnis vom Kirchenverwaltungsamt an andere Kirchengemeinden im Kirchenkreis Berlin Mitte-Nord zum Abdruck weitergegeben).